Misshandlungsvorwürfe in der JVA Gablingen
In der Justizvollzugsanstalt Augsburg-Gablingen stehen Wärter im Verdacht, Gefangene aus purer Freude gedemütigt und misshandelt zu haben. Diese schwerwiegenden Vorwürfe wurden durch Recherchen von BR und Kontraste ans Licht gebracht. Die ehemalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger bezeichnete die Vorfälle als „Abgründe“.
Vorfall während einer Drogenrazzia
Am 23. Oktober 2024 begaben sich Mitarbeiter der JVA Gablingen in das nahegelegene Jugendgefängnis Neuburg-Herrenwörth, um bei einer Drogenrazzia zu unterstützen. Ein Beamter der Sicherungsgruppe (SIG), einer Spezialeinheit der JVA, zeigte jedoch kein Interesse an der Drogenbekämpfung. In einem Chat äußerte er, er wolle lediglich „einen wegrupfen“. Diese Chat-Protokolle, die BR und Kontraste vorliegen, sollen von Beamten der JVA Gablingen verfasst worden sein.
Erfahrungen von Gefangenen
Junge Gefangene berichteten bereits zuvor, dass sie von der Gablinger SIG gewürgt und mit Schlägen ins Gesicht traktiert wurden. Ein betroffener Gefangener, Milan, schilderte seine anhaltenden Ängste: „Jeden Tag, wenn ich durch meine Zellentür gegangen bin, dachte ich: Jetzt könnte wieder einer dort stehen.“ Milan wurde mittlerweile entlassen und versucht, seine Erlebnisse in einer Psychotherapie zu verarbeiten. Woher kommt die Gewalt gegen Obdachlose?
Erschreckende Chat-Protokolle
Die Chats der Beamten belegen, dass sie sich an den Übergriffen erfreuten. Ein Beamter sprach von einem „geilen Tag“, an dem sie „viel Spaß“ gehabt hätten. Ein anderer prahlte damit, einen Häftling „zerstört“ zu haben. Die damalige Vizechefin der JVA soll in einer Chatnachricht geschrieben haben, dass ein Gefangener „verräumt“ wurde und dass dessen Schmerzen den Beamten Freude bereiteten.
Systematische Misshandlungen
Die Vorfälle in Gablingen scheinen Teil eines Systems zu sein, in dem Gefangene systematisch gedemütigt und misshandelt wurden. Sogar vor kranken oder verletzten Häftlingen machten die Beamten nicht Halt. Ein Beamter soll über eine Stunde am Bett eines verletzten Gefangenen gerüttelt haben, um ihm den Schlaf zu verwehren. Ein psychisch kranker Gefangener wurde trotz ärztlicher Anweisung zur Isolation in eine Einzelzelle gesperrt, was zu einer Panikattacke führte.
Rechtswidrige Inhaftierungen
In Gablingen sollen Gefangene in sogenannten „besonders gesicherten Hafträumen“ (bgH) rechtswidrig eingesperrt worden sein. Laut der Augsburger Staatsanwaltschaft wurden in 117 Fällen Häftlinge dort ohne Decke und Matratze untergebracht. Die Chats der mutmaßlichen Täter belegen, dass diese Vorgehensweise mit einem gewissen Stolz kommentiert wurde.
Ermutigung durch Vorgesetzte
Die Vizechefin der JVA wird beschuldigt, die Übergriffe nicht nur gedeckt, sondern auch ermutigt zu haben. Personal, das die Misshandlungen möglicherweise missbilligt hätte, wurde versetzt oder weggeschickt. Die bayerische Staatsregierung erklärte, dass dieser Wechsel der Aufarbeitung der Vorwürfe dienen solle.
Öffentliche Reaktionen
Die frühere Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger äußerte sich besorgt über die massiven Grundrechtsverletzungen und bezeichnete die Vorfälle als den größten Skandal in einer Justizvollzugsanstalt seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland.
Ermittlungen und Anklagen
Die Staatsanwaltschaft Augsburg hat mittlerweile gegen 13 Bedienstete der JVA Gablingen Anklage erhoben, unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung im Amt. Dies schließt auch die frühere Leiterin der JVA und ihre damalige Stellvertreterin ein. Deren Anwälte haben sich bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert. Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung bis zu einem rechtskräftigen Urteil.
Der Wunsch nach Gerechtigkeit
Milan, der ehemalige Häftling, möchte im Falle eines Prozesses „von Anfang bis Ende“ dabei sein, um die Vorfälle abschließen zu können. Er äußerte: „Ich hoffe auf Gerechtigkeit. Und wenn sich einer der Beamten entschuldigen will, dann werde ich die Entschuldigung annehmen.“
Quellen: tagesschau